19 September 2013
Tesla Model S

Tesla Model S

Für Idealisten und Sparfüchse

Fahreindrücke | Wer im oberen Segment landen will, muss aus gutem Hause sein. Die etablierte Ordnung legt die Messlatte so hoch, dass es für Neulinge fast unmöglich ist, dahin zu gelangen. Die kleine, brandneue Marke "Tesla" sah eine Chance. Anstatt ein gleichartiges Produkt in einer anderen Geschmacksrichtung anzubieten, wählt Tesla eine andere Strategie, an die sich andere Hersteller nicht heranwagen. Das "Tesla Model S" ist nämlich eine elektrisch angetriebene Reiselimousine im Top-Segment.
 

Dass Tesla sich für eine großzügig dimensionierte Limousine entschieden hat, bringt zwei Vorteile. Akkus sind so teuer, dass sie den Preis eines Kleinwagens zu hoch treiben. Verglichen mit dem Preis eines großen Reisefahrzeugs sind die zusätzlichen Kosten für einen Akku relativ bescheiden. Darüber hinaus bietet ein großes Auto ausreichend Platz für Akkus.

Stufenhecklimousine

Trotzdem hat man beim Modell S ("S" steht für "Sedan", also "Limousine") für europäische Verhältnisse ein wenig übertrieben. Wegen der enormen Breite des Fahrzeugs passt es kaum in eine Parklücke und/oder lässt keinen Platz mehr, um auszusteigen. Im Stadtverkehr mit zweireihig geparkten Autos oder Radfahrern ist das Modell S geradezu unpraktisch.

Tesla Model S

Dank der runden Formen, einer schmalen Nase und einer niedrigen Dachlinie wirkt das Model S kleiner, als es tatsächlich ist. Leider entsteht durch diese niedrige Dachlinie auch ein eingeschränkter Kopfraum; hier wurde eindeutig von der amerikanischen Körpergröße ausgegangen. Hinweis: Ohne Schiebedach ist der Kopfraum vorn noch geringer.

Der Platz hinten ist ausreichend, aber nicht eines Tourenwagens würdig. Mit ausgestreckten Beinen sitzen geht nicht. Ein optionaler zweiter (kleiner) Rücksitz steht zur Verfügung, auf dem Kinder entgegen der Fahrtrichtung Platz nehmen können.

Die Verarbeitungsqualität ist typisch amerikanisch. Die Türen fallen nicht mit einem soliden Klappgeräusch zu, und die verwendeten Materialien sind schön, aber zerbrechlich. Der Testwagen hatte daher eher die Ausstrahlung einer handgemachten Designstudie als die eines soliden produktionsreifen Autos. An diesem Punkt bleibt Tesla weit hinter der Konkurrenz zurück.

Tesla Model S

Um zu betonen, wie innovativ die Technik des Model S ist, hat Tesla ein Armaturenbrett gewählt, das vor allem aus Displays besteht. Das Display in der Mittelkonsole ist sogar größer als mancher Fernseher in vielen Schlafzimmern! Mit den Tasten auf dem Lenkrad kann sich der Fahrer die angezeigten Informationen auf die verschiedenen Displays verteilen. Die Displays bieten keine ergonomische Verbesserung, machen aber das Auto viel interessanter.

Fahreigenschaften

Sobald man sich auf Landstraßen begibt, sind Parkprobleme und das Fehlen von ausreichend Kopfraum schnell vergessen. Bei einem Auto wie diesem geht es um Komfort, und hier schlägt das Model S alle Konkurrenten mit beiden Händen auf dem Rücken. Ein Elektromotor ist leiser, laufruhiger und stärker als selbst der beste Benziner. Darüber hinaus hat sich Tesla für einen leistungsstarken Elektromotor entschieden, so dass das Model S sogar noch schneller ist als der schnellste Benziner der Konkurenz.

Das Testfahrzeug in der "85 kW"-Version sprintet in 5,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die "Performance"-Version benötigt sogar nur 4,4 Sekunden. Zum Vergleich: Nur ein Mercedes-Benz S65 AMG ist genauso schnell, kostet aber fast viermal so viel und hat einen Verbrauch, der sogar einen Tankwart erröten lassen würde.

Tesla Model S

Das Model S hat keine direkten Emissionen, da es an der Steckdose (oder am Schnell-Ladegerät) geladen wird. Wie schädlich dies für die Umwelt ist, hängt vom gewählten Energieunternehmen ab. Da ein Elektromotor effizienter ist als ein Verbrennungsmotor, liegt die endgültige Ausbeute fast immer höher. Schließlich wandelt der Verbrennungsmotor einen großen Teil der Energie in unerwünschte Dinge wie Wärme und Lärm um.

Tesla Model S

Reichweite

Unter dem Boden des Model S befindet sich ein Batteriepaket aus mehr als 7000 einzelnen Zellen. Zusammen haben diese eine Kapazität von 85 kWh. Zum Vergleich: Das ist fast dreimal mehr als im Nissan Leaf, dem im Moment beliebtesten Elektro-Auto.

Wie alle Elektroautos gewinnt das Model S Energie beim Bremsen oder Ausrollen zurück. Bemerkenswert ist, dass der Fahrer selbst wählen kann, wieviel Energie zurückgewonnen werden soll. Bei maximaler Rückgewinnung hält das Auto stark ein, wenn das Gaspedal losgelassen wird. Mit weniger Rückgewinnung rollt das Model S noch weiter, wenn kein Gas gegeben wird. Beim Bremsen wird immer maximal zurückgewonnen. Darüber hinaus steht ein spezielles "Notfall"-Programm zur Verfügung, mit welchem der Bremsweg beeindruckend kurz wird.

Tesla Model S

In der Praxis legt das Model S bei voller Aufladung über 400 km zurück. Danach wird das Fahrzeug unwiderruflich zum Stillstand kommen. Es gibt keinen zusätzlichen Hilfsmotor, auf den man zurückgreifen kann. Diese Reichweite ist höher als die der meisten anderen Elektroautos, aber viel kleiner als die anderer Luxus-Limousinen. Gerade Autos wie dieses werden gekauft, um lange Fahrten damit zu machen, und hierbei kommt dieser Idealist leider zu kurz.

Straßenlage

Der Akku wiegt ca. 800 kg. Das ist mehr als das Gesamtgewicht von manchem kleinen Stadtauto oder Sportwagen. Jedoch an allen anderen Stellen ist es Tesla gelungen, Gewicht zu sparen. Letztlich ist das Model S "nur" 100 bis 200 kg schwerer als ein vergleichbares Auto mit traditioneller Technik.

Außerdem befindet sich das Gewicht an der Unterseite des Fahrzeugs, so dass der Schwerpunkt sehr niedrig liegt. Ebenfalls von Vorteil: Das Gewicht ist zwischen Vorder-und Hinterachse fast gleich verteilt.

Tesla Model S

In rasant gefahrenen Kurven beißt sich das Model S entschlossen fest; dann lässt dieser grüne Schlingel anderen das Nachsehen. Dank des Heckantriebs ist die Lenkung sehr direkt, weil sie nicht von Antriebskräften gestört wird.

Während eines Zick-Zack- oder Ausweichmanövers bei hoher Geschwindigkeit haben die Reifen (Größe 245/45R19) und das elektronische Stabilitäts-System jedoch keine Chance. Dann bricht dieses Schwergewicht hoffnungslos zur Seite aus. In allen anderen Situationen spürt man das "Ãœbergewicht" kaum, und somit lässt sich das Model S sehr einfach fahren.

Fazit

Die relativ neue Marke Tesla begibt sich mit dem "Model S" in den Kampf um das obere Segment. Diese große, luxuriöse Tourenwagenserie ist vollelektrisch angetrieben. Ob das Model S auch besser ist, ist eine Frage des Geschmacks.

Als Luxus-Tourenwagen kommt das Model S in verschiedenen Punkten zu kurz. Obwohl der Aktionsradius viel größer ist als der anderer Elektroautos, ist er zu gering für eine lange Reise. Dabei ist der Innenraum eher moderat für ein Auto dieser Größe. Auch die Verarbeitungsqualität ist diskutabel, und der Sinn für Perfektion, den Top-Modelle der etablierten Anbieter haben, fehlt.

Als Liebhaber-Auto kann das Model S mehr als überzeugen. Dank des elektrischen Antriebs ist das Tesla komfortabel, deutlich schneller und umweltfreundlicher als ein herkömmliches Auto. Das erhebliche Gewicht der Batterien ist kaum spürbar; die Fahreigenschaften sind auf dem gleichen Niveau wie die der Konkurrenz. Dank des Steuervorteils bei Elektroautos ist das Model S wesentlich günstiger als seine Konkurrenten. Auf diese Weise werden sowohl Idealisten als auch Sparfüchse über die Schwelle gezogen.

plus
  • Netter Preis
  • Keine (direkten) Abgase
  • Besonders schnell, sehr komfortabel
min
  • Unpraktisch groß
  • Mäßige Verarbeitung
  • Wenig Kopfraum (vorne und hinten)